Die Zeiger
der Zeit

Heutige Autos laufen wie ein Uhrwerk. Ein Uhrwerk läuft darin aber nur noch selten.

Der Rolls-Royce Silver Cloud II war vor allem für eines berühmt: Ruhe. Das lauteste, was man unterwegs hören konnte, war das Ticken seiner Cockpituhr. Zumindest „reklamierte“ das der Slogan, den Werbetexter David Ogilvy im Jahr 1958 ersann (“At 60 miles an hour the loudest noise in this new Rolls-Royce comes from the electric clock.“).

Von aktuellen Neuwagen verhalten sich geschätzt 99 Prozent leiser als die Silberwolke. Doch so sehr deren Insassen auch die Ohren spitzen: Von einer Uhr, ob mit Mechanik- oder Quarzwerk, werden sie kaum noch etwas hören. Die Zeit der analogen (Zeit-)Anzeiger im Cockpit läuft ab.

Das runde Muss im Armaturenbrett

Das passiert nicht zum ersten Mal: In den frühen 1980ern kamen die damals supertrendigen „Digitalwecker“ vielerorts ins Instrumentarium. Das traditionelle Premiumauto aber wahrte gewohntes Stilempfinden. Die untertassengroßen VDO-Zeitmesser im Porsche 911 etwa hielten sich noch eine ganze Weile.

In Maseratis dreht der ovale Zeigerklassiker bis heute seine Runden, bevorzugt über royalblauem Ziffernblatt. Am tiefsten aber verneigte sich bislang Bentley-Maßschneider Mulliner vor dem klassischen Chronometer im Armaturenbrett. Nämlich mit einer Breitling-Exklusivanfertigung für runde 150.000 Pfund Aufpreis.

Zeit, die mit der Tradition geht (von links nach rechts): Cockpitchronos in einem klassischen Porsche 911, im stilvollen Maserati Quattroporte und im exklusiven Bentley Bentayga (Mulliner).

Digital ist das neue V12

Jetzt erfinden sich sämtliche Instrumente als multimediale und -funktionale High-res-XXL-Touchscreens neu. Digitale Anzeigen verdrängen mechatronische Display-Relikte, stehen dabei aber nicht für billig wie früher. Das Virtuelle und die Konnektivität entwickeln sich auch im Auto zu einem neuen Symbol, um Status zu kommunizieren.

Aber kann man sich deshalb zum Beispiel eine neue E-Klasse wirklich ohne Analoguhr vorstellen? Ja, Mercedes-Benz kann, ab Werk ist sie nicht an Bord. Und im kürzlich modellgepflegten VW Passat leuchtet jetzt der Modellname dort entgegen, wo zuvor das fesche Cockpit-Quarzwerk rotierte. Es wurde vom Winde verweht, wenn man so möchte.

Tradition, die mit der Zeit (ver)geht: In der neuen Mercedes-Benz E-Klasse (links) tickt die Analoguhr in der Mittelkonsole nur noch optional; im neuesten VW Passat gar nicht mehr, denn dort nahmen Warnblink-Taste und Modellschriftzug diesen Platz ein.

Von der Strecke ans Gelenk

Kommt das Auto ohne handfeste Uhr aus, muss das Auto in die handnahe Uhr kommen. Roger Dubuis verarbeitet für das Armband seines Edelchronometers „Excalibur Spider Pirelli“ tatsächlich Granulat, das von abgenutzten Formel-1-Reifen stammt.

Richard Mille bekam vom F1-Rennstall McLaren den Tipp, das nobelpreisgekrönte Graphen als Uhrengehäusematerial zu verwenden: Ergebnis ist der „RM 50-03“, der mit 40 Gramm leichteste Chronograph der Welt.

Die Königsklasse am Unterarm: F1-Pneus in der Armbanduhr von Roger Dubuis, F1-Graphen in jener von Richard Mille.

Doch auch das Handgelenk zieht es immer mehr zum Digitalen hin, gerüchteweise ist Apple schon seit 2018 größter Uhrenhersteller der Welt. Zusammen ermöglichen Smartwatch und Auto vieles. Vereinzelt fährt es wohl wirklich bald (aus einem Parkhaus) vor, wenn man es ruft. Kumpel „K.I.T.T.“ hat echte Konkurrenz bekommen.

Autor

Achim Neuwirth

Senior Berater Content & PR

E-mail: neuwirth@wortwerkstatt.de

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