Vintage Viral:
Historisch viel geteilt

Katzen, Babys, Fail-Videos: Wohin man schaut, lauert „viraler Content“. Aber was haben Leute geteilt, bevor es das Internet gab? Ein kurzer historischer Offline-Ausflug.

Das Internet ist für viele Dinge gut. Unter anderem als Medium für sogenannten „viralen Content“ oder „Memes“ hat es sich aber besonders etabliert. Wer schon mal Videos von fingerbeißenden Babys, begabten Tieren oder dem „besten Song aller Zeiten“ gesehen hat, weiß Bescheid. Menschen teilen gerne, scheint die Lehre zu sein. Aber was hat sich verbreitet, bevor der Planet vernetzt war? Und wie? Ein kleiner Rückblick.

Eine Phrase, lange Nase: „Kilroy Was Here“

Es war ein Insiderwitz alliierter Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg, den die Nazis gerüchteweise für den Spott eines besonders aktiven Spions hielten: „Kilroy Was Here“. Diesen Slogan begleitete ein Cartoon-Männchen, das schelmisch über eine Mauer spickte.

Egal, wo die Soldaten marschierten oder stationiert waren – meist konnte man Kilroys Signatur hinterher irgendwo ausfindig machen. Interessanterweise entstand diese Meme in transatlantischer Kooperation. Als Satz tauchte „Kilroy Was Here“ zum ersten Mal Ende der 1930er-Jahre in einer amerikanischen Luftwaffenbasis auf. Die Zeichnung hingegen basiert auf dem britischen Comic-Charakter „Mr. Chad“, der selbst einen faszinierenden Ursprung hat. Auch wenn der Gebrauch von Kilroy seit den 1950ern stark abnahm: Ganz aus dem Zeitgeist verschwand er nie.

Modevergehen = Gewaltverbrechen?

Das weiße Feinripphemdchen hat es in der Mode ziemlich schwer, gilt es doch hierzulande als eines der Sinnbilder des Spießertums. Im Angelsächsischen jedoch hört sich das Shirt weitaus gewalttätiger an. Dort wird die Bekleidung nämlich gemeinhin als „Wife Beater“ bezeichnet – also als Ehefrauenschläger. Warum?

Die virale Verbreitung dieses Synonyms geht auf einen Artikel aus dem Jahr 1947 zurück. Ein Detroiter prügelte seine Gattin zu Tode. Die Zeitung druckte ein Foto des Täters ab, auf dem er eben jenes Oberteil trägt. Die Bildunterschrift: „The wife-beater“. Kurz darauf vergeht sich Marlon Brandos Charakter, in Feinripp gehüllt, in der Verfilmung von „Endstation Sehnsucht“ an der Protagonistin. Die unglückliche Verbindung zwischen Shirt und Verbrechen ist hergestellt. Der Begriff fließt, nachdem Modelabels das ärmellose Leibchen in den 80ern und 90ern wiederentdecken, in den allgemeinen Sprachgebrauch ein und hält sich dort allen Kritiken zum Trotz.

Nicht nur 90s-Kids erinnern sich an DIESES Symbol

Wer irgendwann seit den 80ern die Schulbank gedrückt hat, wird ihn kennen: Den Buchstaben S, der spitz stilisiert in Blöcke, Hefte und Ordner gezeichnet wurde. Mutige (oder dem Vandalismus zugneigte) ritzten ihn in Tische oder sprühten ihn an Wände.

Das Symbol trägt viele Namen, aber keiner weiß, woher es eigentlich kommt. Es ist nicht das „S“, das auf der Brust von Superman prangte, es hat nichts mit Suzuki zu tun, und obwohl es in den Staaten auch als „Stüssy S“ geläufig ist, verneint die gleichnamige Streetwear-Marke jeglichen Zusammenhang.

Die einfachste Erklärung, warum Schüler überall auf der Welt seit mehr als 30 Jahren dasselbe Symbol kritzeln? Es ist leicht zu zeichnen und sieht trotzdem ziemlich cool aus.

South Park:
Von der animierten Weihnachtskarte zum Popkulturphänomen

Kreativ-fluchende Viertklässler sind noch das harmloseste, was die US-amerikanische Zeichentrickserie „South Park“ zu bieten hat. In mehr als 20 Staffeln hat das Fernsehprogramm diverse Moralschützer, Sekten, Religionen und sogar die Regierung von Sri Lanka gegen sich aufgebracht. Über Geschmack lässt sich streiten, nicht aber über die Tatsache, dass der vulgäre Cartoon ein fester Bestandteil der zeitgenössischen Popkultur ist.

 

Dieser Status ist dabei rein dem Zufall geschuldet. Im Jahr 1995 basteln die Serienerfinder Trey Parker und Matt Stone aus Papier und Pappe einen fünfminütigen Trickfilm, in dem sich Jesus Christus und der Weihnachtsmann prügeln. Die junge Produktionsfirma verschickt den Streifen als animierte Weihnachtskarte, die sich in Hollywood wie ein Lauffeuer verbreitet. Unter anderem soll George Clooney 300 Kopien erstellt und verschickt haben. Der Sender Comedy Central wird aufmerksam und nimmt Parker und Stone unter Vertrag. Das Fernsehprogramm wird (je nach Meinung) sehr viel lustiger oder läutet den Untergang des Abendlandes ein.

Autor

Lars Weitbrecht

Berater Content & PR

E-mail: lars.weitbrecht@wortwerkstatt.de

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Nachhaltigkeitskommunikation: Schikane oder Chance?

Den Nachhaltigkeitsbericht erstellen und auf die Website packen, um die Reporting-Pflicht zu erfüllen? Eine Chance hat man dann eventuell verpasst.

Weiterlesen

KI in der PR

Welche Chancen und Risiken bringen neue Content-Tools mit künstlicher Intelligenz (KI) für die Wortwerkstatt als etablierte Agentur in der PR- und Kommunikationsbranche? Ein Blick unter die Hype-Oberfläche.

Weiterlesen

So tickt der Motorradmarkt

Motorradfahren kann glücklich machen. Bei kaum einem anderen Fahrzeug spürt man die Magie der Fortbewegung so hautnah. Das verbindet. Persönliche Kontakte sind in der „Biker-Community“ das A und O. Das ...

Weiterlesen